Zur Pensionierung von apl. Prof. Dr. Stefan Seiler
In den mehr als 60 (in Worten: sechzig!) Sprachkursen, die Stefan Seiler gehalten hat, ging es nie bloß um die Kenntnis einer semitischen Sprache. Das Erlernen des Hebräischen ist für ihn stets zugleich eine Einführung in die Hebräische Bibel und mit ihr in das antike wie zeitgenössische Judentum, in die Tiefgründigkeit seiner Texte und Traditionen und die Lebendigkeit seines Glaubens und Lebens. Es ist ihm ein Anliegen, bei seinen Hörerinnen und Hörern die Sinne dafür zu schärfen, dass jedes hebräische (und griechische!) Wort Spuren trägt – Spuren der Geschichte, des Glaubens und der Erfahrung, und dass diese Sprache nicht nur gelesen, sondern gehört, bedacht und „gesprochen“ werden will und soll.
Sein Unterricht – wie seine Forschung – ist von einer besonderen Haltung geprägt: vom Respekt gegenüber den Texten, von intellektueller Redlichkeit und von einem persönlichen Engagement, das weit über philologische, kulturgeschichtliche oder textwissenschaftliche Quisquilien hinausgeht und das sich sowohl in seiner Tätigkeit als leidenschaftlicher (Hochschul-)Prediger als auch in seinem Eintreten für den Christlich-jüdischen Dialog und gegen jegliche Form von Antisemitismus ausspricht. Was Klaus Koch einst den „doppelten Ausgang“ der hebräischen Bibel in Judentum und Christentum genannt hat, ist tief in das Denken und Leben, in die Forschung und Lehre von Stefan Seiler eingeschrieben.
Viele seiner Studierenden haben bei ihm nicht nur eine Sprache gelernt, sondern Zugang zu einer Lebenswelt gefunden, die fremd erscheinen kann und die durch das gemeinsame Ringen um Bedeutung – und sei es eines einzigen Wortes – plötzlich Nähe gewinnt. Stefan Seiler hat Brücken gebaut und Beziehungen gestiftet: zwischen dem Früheren und der Gegenwart, zwischen philologischer Gründlichkeit und kirchlich-gesellschaftlicher Relevanz, zwischen Juden und Christen und nicht zuletzt zwischen Generationen von Studierenden und Pfarrer:innen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (und darüber hinaus).
Wer sich noch einmal persönlich von Stefan Seiler verabschieden möchte, hat dazu am 20. Oktober abends in der Augi-Bar die Gelegenheit … ;-)

